Wimmelbuch personalisiert: Wie aus der Mitgutsch-Tradition eine eigene Familiengeschichte wird

Eine Erfindung aus München
1968 erschien „Rundherum in meiner Stadt" – das Buch, mit dem Ali Mitgutsch das deutsche Wimmelbuch erfand. Bis dahin waren Bilderbücher linear: eine Szene, eine Botschaft, weiter. Mitgutsch drehte das um. Er gab den Kindern eine ganze Welt auf einer Doppelseite und sagte: such selbst.
Das Format wurde so prägend, dass es im deutschsprachigen Raum bis heute eine eigene Buchkategorie ist. Rotraut Susanne Berners Jahreszeitenbände (Hanser, ab 2003) haben es dann in die Spätmoderne überführt – mit Figuren, die man über mehrere Bände verfolgen kann, und versteckten Geschichten in der Geschichte.
Warum Wimmelbücher so gut funktionieren
Die Pädagogik kommt erst hinterher, das Kind ist als Erstes da. Aber sie hat eine plausible Erklärung dafür, warum Kinder Wimmelbücher manchmal jahrelang lieben.
Ein Wimmelbuch trainiert drei Dinge gleichzeitig:
- Visuelle Diskrimination – das schnelle Erkennen eines bestimmten Details in einem volleren Feld. Das ist eine Vorläufer-Fähigkeit für das Lesen.
- Erzählen ohne Vorlage – das Kind baut sich aus dem, was es sieht, selbst eine Geschichte. Das fördert Sprachproduktion stärker als das passive Zuhören.
- Wiederholung mit neuem Befund – die zwanzigste Seitenöffnung bringt immer noch neue Details. Das gibt es bei einem Bilderbuch nicht.
Was in der Forschung dazu am häufigsten zitiert wird, sind Arbeiten zum „dialogischen Lesen" (Whitehurst et al.) – also Vorlesen mit aktiver Beteiligung des Kindes. Wimmelbücher sind dafür ideal, weil sie das Kind zwingen, mitzureden.
Was passiert, wenn die eigenen Kinder darin vorkommen
Das ist der Punkt, an dem unsere Werkstatt überhaupt entstanden ist. Wenn die Heldin auf dem Marktplatz Lisa heißt und einen rosa Pullover trägt – also tatsächlich Lisa –, dann ist das nicht nur niedlich. Es ändert die Art, wie das Kind das Buch benutzt.
Wir beobachten regelmäßig zwei Effekte:
- Längere Aufmerksamkeit. Kinder bleiben bei Szenen, in denen sie sich selbst suchen, oft drei- bis viermal so lange. Das deckt sich mit dem, was die Universität Tilburg (van den Heuvel-Panhuizen, 2016) zu Identifikation in Bilderbüchern gezeigt hat.
- Selbst erzählen. Das Kind beginnt, eigene Geschichten in die Szene zu legen: „Da bin ich, und ich hab dem Verkäufer gerade gesagt, dass…". Genau das, was Sprachpädagogik fördern will.
Was ein gutes Wimmelbuch ausmacht
Wir haben uns das angeschaut, weil wir es selbst bauen wollten. Vier Dinge sind nicht verhandelbar:
- Dichte ohne Chaos. Mitgutsch hat einen ruhigen Hintergrund hinter den vielen Figuren – sonst zerfällt das Bild.
- Mehrere Erzählebenen. Der Hund stiehlt der Frau die Wurst – während das daneben passiert, küsst sich gerade ein Paar, und ein Junge sucht seine Mutter.
- Wiedererkennbare Figuren. Bei Berner ziehen sich Figuren über das ganze Buch. Das schafft Bindung.
- Ein klarer Ort. Markt, Bauernhof, Stadt – nicht alles auf einmal. Der Ort ist das Skelett, die Figuren sind das Fleisch.
Wenn man dann das eigene Kind in dieses Skelett einsetzt, entsteht etwas, das es weder bei Mitgutsch noch bei Berner gab – nicht weil sie es nicht gekonnt hätten, sondern weil das technisch erst seit kurzem geht.
Quellen
- van den Heuvel-Panhuizen, M.: Picture books stimulate the learning of mathematics, Springer 2016
- Whitehurst, G. J. et al.: Accelerating Language Development Through Picture Book Reading, Developmental Psychology 1988