Ali Mitgutsch: Sein Wimmelbuch-Erbe im digitalen Zeitalter

Ein Vater und seine kleine Tochter sitzen auf dem Boden und schauen sich gemeinsam ein großes Wimmelbuch an.

Der kleine Zeigefinger fährt über die Seite. Er zittert ein wenig vor Aufregung. „Da!“, ruft dein Kind. „Der Mann mit dem gelben Hut!“ Der Finger tippt auf eine winzige Figur am Rande eines riesigen Marktplatzes, kaum größer als ein Marienkäfer. Du beugst dich näher, riechst den Duft von Papier und Druckfarbe und entdeckst ihn auch. Gemeinsam lacht ihr, weil sein Hund gerade dabei ist, ihm die Wurst aus der Tasche zu stibitzen. Es ist eine dieser typischen Szenen, die sich Tag für Tag in unzähligen Kinderzimmern abspielen – dank eines Mannes, der das Schauen neu erfunden hat: Ali Mitgutsch.

Wer war Ali Mitgutsch eigentlich?

Fragt man Eltern nach dem Wimmelbuch Erfinder, fällt fast immer sein Name. Ali Mitgutsch hat nicht einfach nur ein weiteres Bilderbuchformat geschaffen. Er hat eine ganze Philosophie des Sehens auf Kartonseiten gebannt. Sein erstes Wimmelbuch, „Rundherum in meiner Stadt“, erschien 1968 und war eine kleine Revolution. Statt einer einzigen, von A nach B erzählten Geschichte, präsentierte er eine einzige, riesige Szene voller Leben. Ein Panorama, in dem hunderte kleiner Geschichten gleichzeitig passieren, ohne Anfang und ohne Ende.

Seine Bücher sind eine Einladung, die Welt mit den Augen eines neugierigen Kindes zu erkunden. Der Postbote, der fast vom Fahrrad fällt, die Frau, deren Einkäufe aus der Tasche purzeln, das Kind, das sein Eis verliert – es sind die kleinen, alltäglichen Dramen und Komödien, die seine Werke zu einem Klassiker im Kinderbuch-Regal gemacht haben. Mitgutsch selbst nannte seine Bücher „demokratisch“, weil jedes Kind selbst entscheiden kann, worauf es seinen Blick lenkt. Es gibt kein Richtig oder Falsch, keine vorgegebene Leserichtung. Nur die pure Freude am Entdecken.

Das bleibende Erbe von Ali Mitgutsch: Mehr als nur Suchen

Warum aber faszinieren uns diese Bilder auch Jahrzehnte später noch? Weil sie weit mehr sind als ein bloßes Suchspiel. Ein Wimmelbuch von Ali Mitgutsch ist ein Trainingslager für die Fantasie und ein wahrer Sprach-Booster.

Was wir beobachten

Immer wieder sehen wir in Familien, wie sich die Nutzung eines Wimmelbuchs mit dem Alter des Kindes verändert. Ein zweijähriges Kind wird vielleicht nur auf den roten Ball, das blaue Auto oder den Hund zeigen und die Wörter lernen. Es benennt, was es sieht. Schon ein oder zwei Jahre später beginnt dasselbe Kind, Zusammenhänge herzustellen: „Schau mal, der Junge weint, weil sein Luftballon wegfliegt!“ Plötzlich entstehen aus einzelnen Beobachtungen kleine Erzählstränge. Aus Substantiven werden Verben, aus Bildern werden Geschichten. Dein Kind wird vom passiven Betrachter zum aktiven Erzähler. Diese Entwicklung ist faszinierend und ein zentraler Teil der Wimmelbuch Geschichte. Es geht nicht darum, eine Aufgabe zu lösen, sondern darum, gemeinsam eine Welt zu erschaffen.

Die IGLU- und Vorlesemonitor-Studien zeigen uns immer wieder, wie fundamental wichtig das gemeinsame Betrachten von Büchern für die kindliche Entwicklung ist. Wimmelbücher sind hierfür perfekt geeignet, weil sie auf Augenhöhe funktionieren. Du musst nichts vorlesen, du entdeckst gemeinsam mit deinem Kind. Du stellst Fragen, und dein Kind stellt Fragen. Es ist ein echter Dialog, der die Bindung stärkt und ganz nebenbei den Grundstein für spätere Lesekompetenz legt.

Die digitale Herausforderung: Wie wird Ali Mitgutschs Erbe heute weitergedacht?

Die Welt hat sich seit 1968 radikal verändert. Bildschirme sind aus unserem Alltag nicht mehr wegzudenken. Natürlich stellt sich da die Frage: Wie kann die Idee des Wimmelbuchs im Digitalen überleben, ohne ihre Seele zu verlieren?

Die Verlockung ist groß, das Prinzip einfach zu übersetzen: eine große Szene auf einem Tablet, in der man auf blinkende Objekte tippen muss, um Punkte zu sammeln. Doch hier liegt eine Gefahr. Das stille, konzentrierte Verweilen, das Mitgutschs Bücher auszeichnet, kann durch schnelle Belohnungsmechanismen und laute Soundeffekte verloren gehen. Das gemeinsame Erlebnis auf dem Sofa weicht möglicherweise einem Kind, das alleine vor einem Bildschirm sitzt.

Die ehrliche Wahrheit über Digitalisierung

Seien wir ehrlich: Nicht jede digitale Adaption eines analogen Konzepts ist ein Fortschritt. Ein digitales Wimmelspiel, das nur auf „Tippen und Finden“ setzt, beraubt das Original seiner größten Stärke: der Anregung zur freien Assoziation und zum Gespräch. Wenn eine App vorgibt, was gesucht werden muss, wird die Entdeckungsreise zum Abarbeiten einer To-do-Liste. Die Magie des Selbst-Entdeckens verpufft. Der größte Verlust ist aber die geteilte Aufmerksamkeit. Nichts kann das Gefühl ersetzen, mit dem Kopf neben dem deines Kindes über eine Buchseite gebeugt zu sein und seinem Finger zu folgen.

Heißt das, wir sollten die Finger von digitalen Wimmelwelten lassen? Nicht unbedingt. Aber wir müssen genauer hinschauen und uns fragen, wie Technologie die ursprüngliche Idee bereichern kann, anstatt sie zu verwässern.

Personalisierung als Brücke zwischen den Welten

Eine wirklich spannende Weiterentwicklung sehen wir in der Personalisierung. Stell dir ein Wimmelbuch vor, das nicht irgendeinen Bahnhof zeigt, sondern den in deiner Stadt. Stell dir vor, die Hauptfigur, die durch das Gewimmel spaziert, sieht aus wie dein eigenes Kind.

Hier schließt sich für uns in der buch-werkstatt.org ein Kreis. Wir nutzen moderne Technologie nicht, um das Buch abzuschaffen, sondern um es noch persönlicher und bedeutsamer zu machen. Wenn ein Kind sich selbst in einer detailreichen Szene wiedererkennt – vielleicht auf dem Spielplatz, den es kennt, oder in einem fantastischen Zauberwald –, entsteht eine ganz neue Ebene der Identifikation. Es ist eine Hommage an die Idee von Ali Mitgutsch, das Leben abzubilden – nur eben das ganz persönliche Leben deines Kindes. Die Technologie wird zum Werkzeug, um ein einzigartiges, physisches Buch zu schaffen, das die gleichen Werte transportiert wie der analoge Klassiker: Gesprächsanlässe, Fantasie und das Gefühl, gesehen zu werden.

So erkennst du eine gute Weiterentwicklung der Wimmel-Idee

Ob App oder personalisiertes Buch – wenn du prüfst, ob ein Produkt im Geiste von Ali Mitgutsch handelt, kannst du auf ein paar Dinge achten:

  • Fördert es die Interaktion? Animiert es dich und dein Kind, miteinander zu reden, Fragen zu stellen und Geschichten zu erfinden?
  • Lässt es Raum für Fantasie? Oder gibt es einen starren, vorgegebenen Weg mit Belohnungen und Zeitdruck? Guter Inhalt inspiriert, statt zu instruieren.
  • Ist die Ästhetik kindgerecht? Ist das Bild liebevoll und detailreich gestaltet, ohne visuell zu überfordern? Oder ist es grell, laut und hektisch?
  • Steht das Kind im Mittelpunkt? Darf es sein eigenes Tempo bestimmen und seine eigenen Schwerpunkte setzen? Das ist das Herzstück des Wimmel-Prinzips.

Am Ende steht und fällt alles mit der Frage, ob ein Produkt Raum für die gemeinsame Zeit lässt. Ali Mitgutsch hat uns nicht nur Bilder geschenkt, sondern unzählige Anlässe für Nähe und Gespräch.

Sein Erbe zu bewahren bedeutet also nicht, krampfhaft am Papier festzuhalten. Es bedeutet, seinen tiefen Respekt vor der kindlichen Wahrnehmung in neue Formen zu übersetzen. Vielleicht schaust du dir gleich mal wieder eines seiner alten Bücher an. Und während der kleine Finger über die Seite wandert, entdeckst du vielleicht selbst eine neue, winzige Geschichte, die dir all die Jahre entgangen ist.

Häufige Fragen

Wer war Ali Mitgutsch?

Ali Mitgutsch (1935–2022) war ein deutscher Grafiker und Illustrator, der als Erfinder der Wimmelbücher gilt. Sein erstes Buch „Rundherum in meiner Stadt“ von 1968 revolutionierte das Kinderbuch durch seine detailreichen, geschichtenreichen Panoramaseiten.

Was macht ein gutes Wimmelbuch aus?

Ein gutes Wimmelbuch regt zum genauen Hinschauen, zum Erzählen eigener kleiner Geschichten und zum gemeinsamen Gespräch an. Es überfordert nicht, sondern lädt Kinder ein, in ihrem eigenen Tempo unzählige Details zu entdecken.

Sind digitale Wimmelbücher schlechter als Bücher aus Papier?

Nicht zwangsläufig. Es kommt darauf an, wie sie gestaltet sind. Wenn sie die Interaktion zwischen Eltern und Kind fördern und Raum für Kreativität lassen, können sie eine gute Ergänzung sein. Reine Suchspiele mit Zeitdruck verwässern jedoch die ursprüngliche Idee.