Wimmelbuch & Wortschatz: 100 neue Wörter spielerisch lernen

Ein Kleinkind und ein Elternteil liegen auf dem Boden und betrachten intensiv und freudig ein großes Wimmelbuch.

Der kleine Finger tippt auf eine Ecke der Buchseite. „Da!“, kommt es mit großer Entschlossenheit. Ich folge dem Finger und sehe, was mein Zweijähriger entdeckt hat: Ein winziger Frosch, der mit einer winzigen Angel einen winzigen Stiefel aus einem winzigen Teich zieht. Ich muss schmunzeln. „Ein Frosch!“, sage ich. „Der angelt ja einen Stiefel.“ Mein Sohn schaut mich mit großen Augen an, dann wieder auf den Frosch, dann wieder auf mich. „Fosch“, probiert er. Ein neues Wort ist gelandet. Ein neuer kleiner Anker in der großen weiten Welt der Sprache.

Solche Momente kennen wir wohl alle. Sie sind das Herzstück der frühen Sprachförderung, die ganz ohne Karteikarten und Leistungsdruck auskommt. Alles, was wir dafür brauchen, ist ein gemütlicher Platz auf dem Teppich und ein gutes Buch. Besonders ein Wimmelbuch. Denn die Verbindung von Wimmelbuch und Wortschatz ist geradezu magisch. Es ist keine Übertreibung, wenn wir sagen, dass ein einziges dieser detailreichen Bücher das Potenzial hat, den aktiven Wortschatz deines Kindes um Dutzende, wenn nicht sogar hundert neue Begriffe zu erweitern.

Warum der Wimmelbuch-Wortschatz so schnell wächst

Ein Wimmelbuch ist mehr als nur eine Ansammlung hübscher Bilder. Es ist ein fein gewobenes Netz aus Zusammenhängen, Geschichten und vor allem: Kontext. Ein Wort wie „Feuerwehrauto“ steht selten allein. Im Wimmelbuch parkt es vor der „Feuerwache“, neben einem „Hydranten“, und ein „Feuerwehrmann“ poliert gerade die „Leiter“. Dein Kind lernt also nicht nur ein isoliertes Wort, sondern ein ganzes Begriffsfeld. Es versteht, dass diese Dinge zusammengehören.

Dieses Lernen in Zusammenhängen ist für das kindliche Gehirn ungemein wertvoll. Es werden nicht einfach Vokabeln in einem Ordner abgelegt, sondern es entstehen neuronale Verknüpfungen. Das Wort wird mit einem Bild, einer Szene und einer kleinen Geschichte verbunden. Das ist der Grund, warum sich Kinder diese Wörter oft so viel besser merken können als jene, die nur beiläufig im Alltag fallen.

Die Sprachförderung durch Vorlesen, speziell mit Wimmelbüchern, lebt von drei zentralen Elementen:

  1. Visuelle Verankerung: Das Wort hat ein klares, sichtbares Gegenstück. Der „Kran“ ist nicht nur ein Laut, sondern dieses große, gelbe Ding, das ein Dachteil anhebt. Dieser direkte Link zwischen Objekt und Begriff ist eine unschlagbare Lernhilfe.

  2. Wiederholung ohne Langeweile: Ihr könnt eine Wimmelbuchseite zehnmal ansehen und werdet wahrscheinlich immer noch Neues entdecken. Diese Wiederholung festigt die Wörter im Langzeitgedächtnis, ohne dass es sich wie stupides Pauken anfühlt. Heute entdeckt ihr den Bäcker, morgen den Schornsteinfeger auf dem Dach und übermorgen die Katze, die dem Bäcker ein Brötchen klaut.

  3. Dialogisches Lesen: Ein Wimmelbuch lädt zum Gespräch ein. Es ist kein Text da, der uns vorschreibt, was wir sagen sollen. Wir sind frei, dem Fingerzeig des Kindes zu folgen. Diese „Serve and Return“-Interaktion – dein Kind zeigt (Serve), du benennst und fragst nach (Return) – ist pures Gold für die Sprachentwicklung.

Was wir aus der Forschung zur Sprachentwicklung wissen

Immer wieder zeigen Studien, wie der „Vorlesemonitor“ der Stiftung Lesen, wie fundamental das gemeinsame Betrachten von Büchern für die kindliche Entwicklung ist. Kinder, denen regelmäßig vorgelesen wird, haben nicht nur einen größeren Wortschatz, sie entwickeln auch ein besseres Sprachverständnis, mehr Fantasie und eine höhere Konzentrationsfähigkeit.

Das Besondere am Wimmelbuch ist, dass es diese Vorteile auf die Spitze treibt. Forscher sprechen vom „joint attention“, der geteilten Aufmerksamkeit. Wenn du und dein Kind gemeinsam auf dasselbe Detail blickt und darüber sprecht, passiert im Gehirn deines Kindes etwas Wichtiges: Es lernt, dass seine Interessen wahrgenommen werden und dass Sprache ein Werkzeug ist, um diese Interessen mit anderen zu teilen. Es ist die pure Form von Kommunikation.

In unserer Arbeit bei der Buchwerkstatt beobachten wir das täglich. Wenn ein Kind ein Buch aufschlägt, in dem es sich selbst wiederfindet – sei es durch den eigenen Namen oder durch vertraute Elemente –, ist die Aufmerksamkeit sofort eine andere. Die Motivation, diese Welt sprachlich zu erobern, steigt. Ein Wimmelbuch funktioniert nach einem ähnlichen Prinzip: Es schafft eine reichhaltige, wiedererkennbare Welt, die das Kind erkunden möchte. Es ist sein kleines Universum für die Dauer des Betrachtens.

Dein Wimmelbuch-Wortschatz-Dialog: Ein Beispiel aus dem Alltag

Wie sieht so eine Wortschatz-Expedition nun konkret aus? Stell dir vor, ihr sitzt vor einer Bauernhof-Szene. Dein Kind ist vielleicht 20 Monate alt und sein Wortschatz besteht aus ein paar Dutzend Wörtern.

Dein Kind tippt auf einen Traktor. „Auto!“, sagt es vielleicht, weil es das Wort für Fahrzeuge schon kennt.

Du greifst das auf und erweiterst. „Ja, das sieht aus wie ein großes Auto, stimmt’s? Das ist ein Traktor. Schau mal, was für riesige Reifen der hat.“ Du fährst mit dem Finger die Reifen nach.

Dein Kind schaut fasziniert. Vielleicht wiederholt es ein Bruchstück: „Takto.“

Du bestätigst und gibst mehr Kontext. „Genau, ein Traktor! Der Bauer fährt mit dem Traktor aufs Feld. Siehst du den Anhänger dahinter? Da sind lauter Heuballen drauf.“ Du zeigst auf den Anhänger und dann auf die runden Ballen.

Jetzt stellst du eine offene Frage, um zum Erzählen anzuregen. „Was meinst du, wo der Bauer das ganze Heu hinbringt?“

Vielleicht kommt keine Antwort, vielleicht ein Zeigen in Richtung der Scheune oder ein fröhliches „Da!“. Das ist völlig egal. In diesen paar Sekunden habt ihr nicht nur das Wort „Traktor“ eingeführt, sondern auch „Reifen“, „Anhänger“ und „Heuballen“ in einen sinnvollen Zusammenhang gestellt. Du hast die Beobachtung deines Kindes bestätigt, sein Wort korrigiert und erweitert und es zum Nachdenken angeregt. Das ist effektive Förderung des Wortschatzes in Reinform.

Die ehrliche Wahrheit: Wenn das Wimmelbuch überfordert

Bei all der Begeisterung für die Fülle und den Detailreichtum müssen wir auch ehrlich sein: Manchmal ist es zu viel. Besonders für jüngere Kinder oder sensiblere Gemüter kann die visuelle Wucht einer Doppelseite überwältigend sein. Das Kind schaut dann vielleicht nur flüchtig hin, blättert schnell weiter oder verliert das Interesse.

Das ist ein wichtiges Signal. Es bedeutet nicht, dass Wimmelbücher für euch nicht funktionieren. Es bedeutet nur, dass ihr den Input vielleicht dosieren müsst. Ein einfacher Trick: Nimm deine Hand oder ein weißes Blatt Papier und decke einen Teil der Seite ab. Konzentriert euch nur auf eine kleine Szene: die Entenfamilie am Teich, die Baustelle in der Ecke, den Marktplatz in der Mitte. Schafft eine kleine, überschaubare Welt innerhalb der großen Welt.

Es gibt kein „richtig“ oder „falsch“. Wenn dein Kind heute nur die eine Katze auf dem Dach anschauen will, ist das wunderbar. Dann sprecht ihr eben über diese Katze. Morgen ist vielleicht der Hubschrauber am Himmel dran. Folge dem Tempo und den Interessen deines Kindes, dann kann aus der potenziellen Überforderung eine fokussierte und freudvolle Entdeckungsreise werden.

Am Ende geht es nicht darum, möglichst schnell einen riesigen Wortschatz aufzubauen. Es geht um die Freude am gemeinsamen Entdecken, am Erzählen und am Austausch. Der wachsende Wortschatz ist dabei ein wunderbarer Nebeneffekt.

Also, hol das Buch aus dem Regal. Irgendwo wartet sicher noch ein Eichhörnchen mit einer Sonnenbrille darauf, von euch entdeckt zu werden.

Häufige Fragen

Ab welchem Alter sind Wimmelbücher für die Sprachentwicklung sinnvoll?

Meist ab etwa 18 bis 24 Monaten, wenn Kinder beginnen, gezielt auf Dinge zu zeigen und erste Wörter sprechen. Wichtig ist aber, auf die individuellen Signale deines Kindes zu achten; manche sind früher bereit, andere brauchen etwas länger.

Mein Kind schaut im Wimmelbuch immer nur auf dieselbe Stelle. Ist das normal?

Ja, das ist völlig normal und sogar gut. Wiederholung ist ein zentraler Baustein des Lernens. Dein Kind festigt damit Wörter und Zusammenhänge, bevor es bereit ist, sich neuen Details zuzuwenden.

Muss ich immer alles benennen, was wir im Wimmelbuch sehen?

Nein, auf keinen Fall. Es geht nicht um einen Vokabeltest, sondern um einen Dialog. Folge der Aufmerksamkeit deines Kindes. Wenn es auf etwas zeigt, benenne es. Manchmal reicht es auch, einfach nur gemeinsam zu schauen und die Atmosphäre zu genießen.