Personalisierte Kinderbücher: Warum sich Kinder im Buch wiedererkennen müssen

Kind betrachtet ein Buch, in dem es sich selbst sieht

Ein kurzer Moment, der alles ändert

Jedes Elternteil kennt ihn. Das Kind blättert in einem Buch, hält inne, zeigt auf eine Figur und sagt: „Das bin ich". Egal ob die Figur tatsächlich wie das Kind aussieht – in diesem Moment wird aus einem Buch ein Lieblingsbuch.

Die Entwicklungspsychologie hat einen Namen dafür: narrative Identifikation. Sie beschreibt den Vorgang, mit dem ein Kind seine eigene Erfahrungswelt in die einer Figur projiziert. Marsha Walton (Trinity University) hat das in den 2000ern systematisch untersucht und gezeigt: Kinder, die sich mit einer Bilderbuchfigur identifizieren, behalten den Inhalt nicht nur besser – sie übertragen die Lösungen, die die Figur findet, auch öfter auf eigene Situationen.

Das ist der Grund, warum „Conni" funktioniert. Warum „Petterson und Findus" funktioniert. Warum Kinder dieselben drei Bücher hundertmal hören wollen, obwohl sie längst auswendig wissen, was passiert.

Was Identifikation konkret bewirkt

Drei Mechanismen sind in der Forschung gut belegt:

  1. Emotionale Regulation. Wenn eine Figur dasselbe Problem hat wie das Kind – Wutanfall, Eifersucht auf das Geschwisterkind, Angst vor dem Dunkeln –, wird das Problem benennbar. Es bekommt eine Form. Therapeutisch ist das einer der ältesten Ansätze überhaupt (Bibliotherapie).
  2. Soziale Skripte. Kinder lernen aus Geschichten, wie Konflikte funktionieren. Eine Figur, mit der man sich identifiziert, ist ein viel stärkerer Vorbild-Lieferant als eine, mit der man sich nicht identifiziert.
  3. Selbstbild. Kinder, die sich in Geschichten als kompetent erleben, übertragen das auf ihr Selbstbild. Das ist gut belegt für die Repräsentation von Geschlechterrollen (Lillard, 2007) und für Diversität in Kinderliteratur (Mendoza/Reese, 2001).

Warum reichen klassische Bücher nicht?

Sie reichen für viele Kinder. Aber für viele eben auch nicht. Wenn das Kind eine seltene Konstellation hat – Adoption, Patchworkfamilie, Trauerfall, körperliches Merkmal, Hautfarbe, eine Behinderung –, dann findet es in klassischen Büchern oft nichts, woran es andocken kann.

Deswegen ist die Diversity-Debatte in der Kinderliteratur in den letzten zehn Jahren so präsent geworden. Sie ist keine politische Mode, sie löst ein konkretes pädagogisches Problem.

Personalisierung ist eine andere, ergänzende Antwort darauf. Sie sagt: Statt zu hoffen, dass das passende Buch existiert, machen wir das Buch passend.

Wo Personalisierung gut funktioniert – und wo nicht

Wir haben das in den letzten zwei Jahren immer wieder gesehen. Personalisierung funktioniert besonders gut bei:

  • Übergängen. Erster Kindergartentag, Einschulung, Umzug, neues Geschwisterkind. Geschichten, in denen das eigene Kind die Hauptrolle spielt, helfen, die Übergänge mental durchzuspielen.
  • Geschenken zwischen Generationen. Ein Buch von den Großeltern, in dem die Enkelin tatsächlich vorkommt, wird über Jahre aufbewahrt.
  • Themen, die das Kind beschäftigen. Wenn der Hund gerade gestorben ist, kann eine Geschichte mit der eigenen Familie und dem Hund einen Raum öffnen, in dem das Kind selbst sprechen kann.

Weniger gut funktioniert Personalisierung, wenn sie Selbstzweck wird – also nur „weil es geht" und nicht, weil sie zur konkreten Situation passt.

Was wir daraus gemacht haben

Unsere Werkstatt baut um genau diese Idee herum. Das Kind ist nicht Anhängsel der Geschichte, sondern Hauptfigur. Aussehen, Name, Lieblings-Quatsch, manchmal sogar eine eigene Zeichnung – all das geht ins Buch. Was wir bewusst nicht tun: das Kind in eine fertige Schablone packen. Jede Geschichte wird neu geschrieben.

Quellen

  • Walton, M.: Identification with story characters and the influence on memory, Memory & Cognition 2003
  • Mendoza, J., Reese, D.: Examining multicultural picture books for the early childhood classroom, Early Childhood Research & Practice 2001
  • Lillard, A.: Pretend play in children, Psychological Bulletin 2007