Leseförderung zuhause: 7 Mikro-Rituale, die jede Familie schafft

Wo wir stehen
Die IGLU-Studie 2021 (IFS Dortmund) hat gezeigt, dass deutsche Viertklässler im internationalen Vergleich zurückgefallen sind – und zwar nicht erst seit Corona. Der Trend zieht sich seit etwa 2001 durch und hat sich nur beschleunigt. Etwa ein Viertel der Kinder erreicht am Ende der Grundschule nicht das Mindestniveau beim Textverstehen.
Die Forschung ist sich erstaunlich einig, woran das nicht liegt: Es liegt nicht primär an den Schulen, auch nicht primär an den Lehrkräften. Was am stärksten korreliert, ist die Leseumgebung zuhause in den Jahren vor der Einschulung (Niklas/Schneider, 2013).
Das ist eine harte Botschaft. Aber sie ist auch eine gute, weil sie etwas in die Hand der Familie zurücklegt.
Was nicht funktioniert
Wir fangen mit dem an, was Studien immer wieder als wirkungslos oder kontraproduktiv ausweisen:
- Lese-Apps mit Belohnungssystem. Sie funktionieren kurzfristig, untergraben aber langfristig die intrinsische Motivation (Deci/Ryan, 2000).
- Druck. Kinder, die zum Lesen gedrängt werden, lesen später deutlich weniger.
- Schulpflicht-Lesen ohne Auswahl. Ein Kind, das nicht selbst wählen darf, was es liest, baut keine eigene Lesepraxis auf.
Sieben Mikro-Rituale, die wirken
Kein Programm. Keine Tabelle. Sieben kleine Dinge, die in jeder Familie einbaubar sind – egal mit welchem Bildungshintergrund.
1. Ein Buchregal in Augenhöhe des Kindes. Klingt banal. Ist die wichtigste Einzelmaßnahme. Kinder greifen zu Büchern, die sie sehen.
2. Fünf Minuten Vorlesen vor dem Schlafen. Nicht zehn, nicht zwanzig. Fünf. Damit es zur Pflicht-Nichtpflicht wird.
3. Die Eltern lesen sichtbar. Wenn Mama oder Papa abends ein Buch in der Hand hat, lernt das Kind: Erwachsene tun das auch.
4. Ein Buchladen-Besuch alle paar Monate. Egal ob Bibliothek oder Buchhandlung. Das Kind sucht selbst aus. Auch dann, wenn die Wahl unsinnig wirkt.
5. Geschichten am Abendbrottisch. „Was war heute deine peinlichste Sache?" Kinder lernen Erzählen, indem sie es tun. Erzählen ist die Vorstufe zum Lesen.
6. Mitlesen lassen. Wenn das Kind mit fünf, sechs Jahren anfängt zu raten, mitzulesen, mitzusprechen, dann ruhig dran lassen. Auch wenn es länger dauert.
7. Ein eigenes Buch besitzen. Nicht aus der Bibliothek, nicht aus der Kita, nicht zum Teilen. Eins, das ihm gehört. Das es selbst ins Regal stellt. Das es kennt.
Was die letzten beiden Punkte gemeinsam haben
Beide drehen sich um Eigentum und Selbstwirksamkeit. Kinder, die ein Buch als „ihres" begreifen, behandeln Lesen anders. Das ist auch der Grund, warum personalisierte Bücher in diesem Zusammenhang besonders gut funktionieren: Sie sind im Wortsinn auf das Kind zugeschnitten – und damit unverwechselbar seines.
Wenn es schon spät ist
Falls das Kind schon in der Grundschule ist und das Lesen schwerfällt, sind die Mikro-Rituale weiterhin die wirkungsvollste Maßnahme. Vorlesen ist nicht der Gegner des selbst Lesens, sondern dessen Voraussetzung. Studien (Mol/Bus, 2011) zeigen, dass selbst Zehn- bis Zwölfjährige, denen weiterhin vorgelesen wird, im Lesetest besser abschneiden als die, die ab sechs sich selbst überlassen werden.
Es ist also nie zu spät, anzufangen.
Quellen
- IFS Dortmund: IGLU 2021
- Niklas, F., Schneider, W.: Home Literacy Environment, Contemporary Educational Psychology 2013
- Mol, S.E., Bus, A.G.: To Read or Not to Read: A Meta-Analysis of Print Exposure, Psychological Bulletin 2011